Paragon Records
2007
http://www.myspace.com/aetheriusobscuritas

Stippvisiten lohnen sich!

Vor einem sicher bis heute standhaften Szenekanon aus schwachbrüstigen Burzum-Nachäffern und versoffenen Darkthrone-Kopisten kann man mit Seitensprüngen in andere musikalische Gefilde flüchten. Von Zeit zu Zeit zahlt es sich aber doch aus, die Ohren ins wohl oftmals zu stiefmütterlich behandelte Subgenre Black Metal zu stecken. Weht dort denn tatsächlich ein frischer Wind? Im Überblick wohl kaum. Beinahe übernatürlich spärlich gesähte Perlen gab es vor 10 Jahren aber schon und glücklicherweise heuer ebenso.
Als zuletzt hinreichend abgefeiertes Werk muss hier nun „Víziók“ von Aetherius Obscuritas bzw. dem Alleinunterhalter Arkhorrl an den Mann. So scheint’s mir doch, dass sich nicht nur Mörker (mit ihrem „Höstmakter“) authentisch und erfolgreich der Erfolgsrezepte allseits beliebter und gleichwohl prägender Überalben aus Norwegen bedienen. Auch der eben erwähnte Mastermind aus Ungarn durchbricht das Mittelmaß, indem er sich erquickend an Althergebrachtem vergeht.

So weht also stets das blau-weiß-rot bekreuzte Schnupftuch überm Kaminsims. Mit beinahe dreist eingängigen Melodien gelingen dem Herren allerlei nostalgische Verzückungen. Ein glückliches Händchen beweist Arkhorrl hierbei mit seinem Vermögen, deutliche Einflüsse und Orientierungspunkte sichtbar, aus eigenen Ideen aber keineswegs klauende Nullnummern zu machen. So weiß man hier sehr gut, alten Taake die Ehre zu erweisen sowie einige Dramaturgien aus der melo-romantischeren Hälfte Norwegens zu mopsen (siehe „Mysterious Path of Desires“). Dabei gibt man sich vorerst recht abwechslungsreich. Wo Keyboards bzw. Chöre oder Flöten nur den entsprechenden Refrain würzen, ist man überdies recht geschickt mit Tempiwechseln, Breaks und ähnlichem instrumentellen Firlefanz. Einer, wie erwähnt, beinahe frechen Eingängigkeit geht man selten bis nie verlustig, da Melodien und Songaufbau immer wieder logisch ineinander greifen. Songdienlichkeit schimpft man sowas heuer. Ich würde glatt Talent dazu sagen. Denn an mitreißenden Passagen mangelt es „Víziók“ nicht. Wenn auch nach der groben Hälfte des Albums das Tempo dauerhafter angezogen wird, wissen die Stücke mindestens zu überzeugen; oft auch zu begeistern. Dieser thematische Wandel wird durch ein famoses Cover Ragnaroks („Menedékem a Sötétségben“ = „My Refuge in Darkness“) eingeläutet, welches mir persönlich sogar noch besser gefällt als das Original. In aller Subjektivität glückte also der Wagemut, die Qualität der ersten Songs, trotz des strukturellen Wandels in Richtung Härte, zu halten.
Einzig „Black Moorland“ tanzt konzeptionell völlig aus der Reihe und bietet den üblichen Depri-BM-Einheitsbrei, welchem man längst überdrüssig war. Zwar geht dem Stück eine gewisse Hypnotik nicht ab, ins Gesamtbild passt er dennoch nicht und stört den Fluss des Albums. Erst nach dem sich anschließenden Klimpermezzo, „Who never really left“, geht’s wie gewohnt weiter und demnach zur Sache: Treibender Black Metal mit einem Finger in jedem Topf; sei’s nun technische Bodenständigkeit, herzblutige Leidenschaft, kesses Melo-Geschick, erwähnte Eingängigkeit oder überhaupt Qualität.
Einen Querverweis nach Westskandinavien gibt es allerdings noch: Arkhorrl krächzt in seiner Monotonie einem Früh90er Grutle Kjellson zu „Yggdrasil“- oder auch „Frost“-Zeiten gar nicht mal unähnlich. Mit allerlei Grimm vorgetragener, gepresster Gesang ohne viel Varianz also. Selbiger recht deutlich im Vordergrund angeordnet, gibt der Scheibe ein Gros seiner primär latenten Aggression und Ruppigkeit. Leider ging dem Schlagwerk etwas der Druck abhanden, weshalb die Songs zwar, melodisch wie sie sind, enorm viel Drive erzeugen, die Taktstation aber verhältnismäßig wenig dazu beiträgt.

Verzückungen also bietet „Víziók“ zweifelsohne. Ob nun für jedermann, sei mal dahingestellt. Ganz subjektiv gesehen ist dieses Album jedoch ein Lichtblick in Richtung Osteuropa und ein weiteres Indiz dafür, Black Metal doch als Kramkiste qualitativ hochwertiger Musik schätzen zu müssen. Mörker, In Tormentata Quiete und Aetherius Obscuritas haben es 2009 geschafft. Dem anstehenden neuen Jahr schleudere ich folglich ganz klischeetauglich ein besudeltes Kruzifix entgegen und sage: Auf ein noch Besseres!

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Wohnzimmer Records
2009
myspace.com/kreisky

Es ist vollbracht: Falco wird posthum cool!

Die ersten 13 Sekunden von „Meine Schuld, …“ machen tatsächlich den Eindruck, als hätte man’s mit Suicidal Black Metal zu tun. Ein schlicht fetziger Vergleich, weisen doch diese ersten Sekunden schon darauf hin, wie herrlich asozial dieses Album zu klingen vermag.

Sound schreibt Rotz! Das ist selten und soll dementsprechend gefeiert werden. Immerhin könnte man meinen, ein Rehearsal-Tape der Pistols zu hören, das irgendwann remastert wurde. Da Kreisky allerdings nicht einfach nur Punk sind, wirkt sich der grundlegend überaus aggressive Klang der Songs besonders heiß auf die Außenseiterrolle dieser Scheibe aus. Was die Hives mit „The Black and White Album“ versuchten, gelang den Österreichern höchst galant: Ein Sound, der nicht nur ruppig und opulent klingen will, sondern auch tatsächlich ist.

Ulkigerweise nimmt „Meine Schuld …“ auch abseits des extravaganten Klangs eine regelnorme Ausnahmeposition ein. Und zwar, weil man sich kompositorisch einige Zacken aus der Krone brach. Es ist nicht unbedingt komplex, auch nicht simpel, ebenso wenig innovativ. Aber es, dieses Album, ist gespickt mit Hits. Ob’s Kreisky funky, groovy, punky oder movey meinen, spielt keine Rolle. Rock wird facettenreich zelebriert, während man unter selbigen zu linsen versucht. Zu sagen, die Songs sind frech, wäre untertrieben. Man hat sich durchaus bei verschiedensten Stilistiken das Effektivste abgeschaut. Hier mag im jeweiligen Ansatz gern Math und Post herausgehört werden, obwohl eigentlich nie der punkige Indie-Faden aus der Spule läuft. Ganz gleich ob flott, tippelnd oder trabend eingeheizt wird: Ein noisiger Grundton bleibt erhalten – ein Zimmer, in welchem kontrolliertes Chaos angerichtet wurde. Vermeintlichen Dissonanzen wie auch harmonisch anmutenden Passagen wird ausgewogen Platz eingeräumt, sodass die Scheibe in sich stimmig wirkt. Dabei sind die Songs stets saftig, druckvoll und voller Heißhunger auf Provokation.

Letztere ist nämlich durchaus einer der Fokusse bei Kreisky. Die Formel „Kaktus: plur. Kakteen, also Fokus: plur. Fokeen“ würde fast Sinn machen. Lyrisch springt man dem Hörer nämlich aufs überromantisierte Haupt. Und das auf völlig unkonventionelle Weise. Das Gros der Texte ist jenseits allen Schmalzes ververste Prosa, die schlicht Arsch tritt. Es lohnt sich förmlich, zu erwähnen, dass Alltagsthemen ausgeschlachtet werden, denn mit soviel Keckness vernahm man die Mühen des Lebens selten. Und während man Kreiskys Debüt hört, sind es gar keine Mühen mehr, sondern Aufforderungen, allen Sackgängern ins Gesicht zu spucken oder wenigstens den Mittelfinger zu zeigen.

Bitte wer, innerhalb der entsprechenden Klientel, würde ein Album nicht reizend finden, welches kruden Punk, aggressiven Indie und ein Gespür für Rock auf der einen Seite und Lyrik im Dunstkreis von Rainald Grebe, vorgetragen mit dem Charme des eingangs erwähnten Falco, inklusive Akzent, auf der anderen Seite bietet? Eben. Bitterböse Element Of Crime quasi. Oppositionell, satt und herrlich keck, also: Hervorragend!

Mörker – Höstmakter

August 16, 2009

mörker_cover

Northern Silence Productions
2009
myspace.com/morkerhorde

Wer rechnet heuer noch mit einem wirklich guten Melodic Black Metal Album?

Keine Ahnung, interessiert auch nicht. Die Substilistik wird also mal ganz galant abgesatant: Pfui!

So, das Moonblood-Shirt adrett ins Kabüffchen gedroschen, setzt man sich alldieweil keck an eine Scheibe der Machart „Höstmakter“. Und da weht’s dem obenrum entkleideten Jüngling eiskalt um die permafrostigen Gebeine …

Nämlich da Mörker mit ihrem zweiten Album nun doch wissen, wie Black Metal funktioniert. Die Zeiten mehr oder minder konstruktiven Kopierens bei den norwegischen Hochneunzigern abseits Darkthrone sind vorbei. Verwertung aller Vorbilder in ein recht eigenständiges Konzept steht auf dem Plan. Die unverständlich gute Produktion zeichnet sich im Vordergrunde dafür verantwortlich: Ein gescheiter Necromorbus hat klangliche Dimensionen geschaffen, in welchen sich die einfühlsame Hand „For all tid’s“ um den modernen Hinterschinken von „Volcano“ schmiegt. Glasklar, kristallen, blitzsauber, trotzdem basslastig, streckenweise dumpf, und demnach durchaus hinreißend altbacken.

Mörker’s kompositorischer Quell: Der urige, unverbrauchte Romantic Black Metal aus Norwegen. Nicht Schweden, Finnland, Dänemark, Island oder die Färöer, nein, Norwegen brachte diesen Sound! Dass die stets gehänsältän Nachbarn keineswegs unbegabter sind, stellt dieses Album unter Beweis. Sind Mörker doch eigentlich die einzigen, welche sich bislang einer Stilistik annahmen, die letzten Endes im sogenannten Symphonic Extreme Metal gipfelte und für jeden halbwegs musikverständnisvollen Geist absolut unbrauchbar wurde. Denn dieser ist weiß Gott nicht das Nackenstück des metallischen Spanferkels.

Sowohl als auch: Es ist eigentlich unnötig Musik zu beschreiben, von der nahezu jeder weiß, wie sie zu klingen hat, sobald man alle nur möglichen Referenzen aufzählt. Und ohne in alten, längst belächelten sowie ausgelutschten Floskeln zu enden, gebt euch zufrieden, kennt ihr alsbald genannte Vergleichswerke. Der obige Versuch einer Umschreibung des Sounds sollte ausreichen, sofern man sich (die ersten beiden) Dimmu Borgir-Alben, das Old Man’s Child’s Debut, vor allem aber deren fabulöses „In the Shades of Life“-Demo, frühe Mundanus Imperium, Enthral oder vielleicht sogar Gehenna anno ’94 mit angenehm zeitgenössischer Produktion vorstellen kann. Alte Satyricon und „Diabolical Fullmoon Mysticism“ lassen sich ebenfalls an Land ziehen, um Parallelen zu knüpfen. Tolle Promenadenmischung, wa?

Das Album ist nicht perfekt. Dafür fehlt Mörker schlicht die dramatische Finesse. Allerdings sind die Arrangements höchst ansprechend und vor allem wird ausreichend Eingängkeit geboten. Und das ohne im meist überflüssigen PseudoPagan-Lager zu landen. Dieses Album gefällt einfach und ist genau deshalb so herausragend, weil es weiß, welche Klientel anzusprechen ist.

Ein Highlight der letzten Jahre!


Black Candy Records
2008
myspace.com/threeinonegentlemansuit

(Wird überarbeitet!)

The Mars Volta finde ich doof! Bzw. zu hyperinnovativlangweilig …

Also hab ich mir unverhofft Three In One Gentleman Suit angehört. Letztere kann man mit Erstgenannten zwar gar nicht vergleichen, originell sind sie trotzdem. Ohne Anstrengung.
Denn komponieren können die TIOGS zweifelsfrei nicht nur so, dass es dem Gniedel-Junkie gefällt, sondern durchaus auch offenen Gemütern aus der hoffentlich gelangweilten Indie-Kaschemme. Augenblicke, die beinahe Chart-tauglichen, ruppigen, freiluftigen Indie mimen, mengen sich ins große Mathbett ebenso ein wie besinnliche Momente. Dabei meint man – gewiss nicht unbeabsichtigt – häufig die Glorie Don Caballeros durchscheinen zu lassen und wirft allerlei Modernitäten zusammen, sei’s nun Post und Prog, Rock und sogar Pop.

Demnach schwer fällt’s mir als Schubladendenker, etwaige Ansätze zu finden, da das Album und die Songs durchaus lieddienlich sind, deshalb aber auch wieder Grenzen sprengen. Scheiße, bei “Torn hidden lost“ wollen sich sogar die Deftones raushören lassen. Und weshalb? Ob des Riffings und der Vocals. Dabei sind TIOGS weder Skater-Kram noch Nu Metal, Crossover oder irgendwas. Sie mögen sich schlicht für diese kurze Passage inspiriert haben lassen. Und sonst? Beinahe alles, das nicht irgendwo in „Extreme Metal“ oder extrem Scheiße endet, ist hier vertreten. So glänzt zB. “Among the Answers“ mit gehärteten Reggae-Vibes, welche sich nach nur kurzem Aufspiel übergeben müssen und den ganzen Song in ein regelrechtes/geregeltes Soundapokalypsum tunken.

“Shine back, shine back, shine back, Baby! When you shine I just can’t stare!“ (“The Colour is Gray“) – Eine Zeile, die auf Rockbühne geeicht scheint. Leidenschaftlichkeit drückt sich hiesig nicht lediglich durch anspruchsvolles Instrumentengepfriemel aus, sondern vor allem durch den liebevollen Wechsel zwischen rockigem FKK und trotzigem Proll-Prog. Zwar sind die Song-Arrangements prinzipiell recht ähnlich, so gibt’s doch kein stures Dogma: Ein seichter Clean-Part mag da schon nach Minuten in einer PostRock-Wand enden. Genauso darf mit schlicht auf Hypnose aufgebauten Schönheiten gerechnet werden: Wie “Seasons“, welches fast schon an Katatonia denken lässt. Oder “No End“, das taktvoll und weise an Battles gemahnt.

Ich bin ob der Vielfalt überfordert, denn dieses Album mutet nahezu perfekt an, um die Spitzen aktueller Rock-Grandeure auf den Eisberg zu schicken. Unglaublichlich vielseitig, absolut homogen, definitiv wichtig! Dabei sind’s nicht die beiden großen Musik-Exporteure unserer Zeit, die wieder und wieder und wieder und wieder und wieder als Quell aller guten Geschmäcker ausgewiesen werden. Nö, TIOGS sind Italiener: Fußball, Tragödie, Bestecherweltmeister, Pizza adé, Olive, Randale, usw. Three In One Gentleman Suit rufen musikalisch zur Verbrüderung auf. Ungewollt, nicht kitschig, ohne Ball, einfach nur mit Schmackes und Niveau.

Bloodhorse – Horizoner

Juli 26, 2009

Translation Loss
2009
myspace.com/bloodhorse

Himmel hilf, Bloodhorse sind da!

Dieser Band gewidmet habe ich mich hauptsächlich ob des im Normalfall vielversprechenden Aufhängers Stoner Doom. Es könnte ja immerhin sein, mir kommt nochmal eine Kapelle der Class No.1 von Acrimony in die Finger. Nun, mit Letzteren vergleichen kann man Bloodhorse nicht wirklich, denn viel zu triebhaft, vielleicht aggressiv geht es auf „Horizoner“ zugange. Dieser heißgeliebte Relax-Effekt der Waliser bleibt auf diesem Einstand hier also aus. Dafür geht’s jedoch ordentlich zur Sache. Und zwar mit bravourösester Eingängigkeit.

So prächtig diese Blutstute ist, so wenig lässt sie sich in ihrem erwachsenen Raufboldennaturell zähmen.

„A Good Son“ ist jetzt schon der Opener des Jahres: Lassen die 10 Minuten Spielzeit noch vermuten, man bekäme einen sumpfigen Langweiler zäh in die Ohren geschraubt, ist dieser Song das musikalische Manifest des Begriffs Dramaturgie. Wenn über 6 Sechzigsekünder hinweg prinzipiell ein und dieselbe Hookline wiederholt wird, nur seicht und schleichend leichte Percussions dazugesellig werden, aber plötzlich doch noch die lang ersehnte Eruption erfolgt, so ist das eine musizierte Ejakulation. Alles bricht über sich selbst herein, macht dem steinigen Weg der Gipfelerklimmung ein Ende und deutet an, weshalb sich die zehrende Mekka-Fahrt lohnen wird. Einmalig und schlicht grandios!
Und Bloodhorse meinen’s verdammt ernst: Was folgt, ist Rock – oder nennen wir’s Rockigkeit. Unglaublich heavy, unglaublich massiv und tatsächlich unglaublich gut. Dabei klauen die Burschen aus Übersee derart geschickt, dass hier ein Keckness-Award fällig wäre. So tumb wie das jetzt anmuten mag, ist’s jedoch nicht. Als eigenständig kann man Bloodhorse durchaus bezeichnen. Dem liegt allerdings tolle Spritzigkeit zugrunde, welche man auf diesem Niveau einfach selten bis fast nie hört. Den Fernseher erfinden die Herren Garcia-Rivera, Woods & Wentworth also keineswegs neu. Dennoch fragt man sich, wie gut eine Band sein muss, um einen Querverweis auf Slayer’s Sahnestück „Seasons in the Abyss“ mittels „The Old Man“ derart ungekünstelt, originell und nahezu normal klingen zu lassen. Im Doom-Kontext wohlgemerkt! Gleiches mit „Close, but never so“, welches partiell durchaus seinen Platz auf Life Of Agony’s „River Runs Red“ hätte finden können. Und wenn man von Doom außerhalb des Gothic/Funeral/Drone-Spektrums redet, dürfen die Könige des Genres freilich nicht fehlen: Mastodon, deren sludgige Klasse hier auch beängstigend locker erreicht wird. „The Morning Burial“ gelingt es gar, an die gniedelige Exorbitanz Letztgenannter anzuknüpfen. Dabei schüttet man – im Sinne des Alchimisten – seine gesammelten Einflüsse nicht lediglich in den Topf sturer Liedtauglichkeit, sondern giert tatsächlich nach dem Rezept, Gold zu erfinden. Das Neumachen ist’s! Ergo fulminieren Bloodhorse zwar irgendwo am Mittelpunkt zwischen Black Sabbath („The Old Man“), Punk/Hardcore („Aphoristic“, „Paranoiac“) und tatsächlichem und gefühltem Doom („Nonhossono“), bewahren sich aber den Anspruch auf Anspruch im Komponieren.

Dass Produktion und Klang optimal sind, soll eine Randerwähnung bleiben. Is‘ so! Dieses Album zwingt zur Auseinandersetzung – und zum Gefallen. Wäre die Scheibe soundlich nicht derart auf Doom geeicht, würde sie nicht Metal-affin klingen, sie würde wohl mehr Konsumenten ansprechen, als dem gelangweilten Grottenalkoholiker/-kiffer/-kokser, whatever lieb ist. Ich hingegen bin froh, dass „Horizoner“ genau so ist, wie es ist: Ein durch und durch rockiges, schweres, hartes, aber deshalb nur und nur gutes Album, das Metal atmet und sich selbst ausspeit, für welches Einfältigkeit und Einfallslosigkeit Fremdwörter sind. Müßig, zu versuchen, die Musik technisch zu verwörtlichen. Musik, Hören, Punkt.

Was mich früher verschreckt hat – jenes Vorurteil, dass Doom Englisch für schnödes Augenklimpern mit Tränensackcharakter und folglich Indiz für Kitsch sowie Langeweile ist – ist seit Bloodhorse mein Ziel: Die Komplexität des Genres per se. „Horizoner“ macht alles richtig, ist treibend, trotzig, niveauvoll und hymnisch zugleich. Peace! … or War! Dunno …

Jeepster Records
2007
myspace.com/sixnationstatetheband
http://www.sixnationstate.de

Zugegeben, ich bin in puncto Indie kein Wanderzirkus, wonach sich mir immer ernsthaft die Frage stellte, ob ein Review dieser Coleur wirklich von Nutzen ist. Nun ergab sich aber ein glücklicher Umstand, der mich in den wiederum glücklichen Umstand brachte, dem Debut-Album von SixNationState mein Gehör schenken zu können.

Freilich ohnehin verhalten, suchte man eingangs die Flucht nach hinten, als unerwartet Rio de Janeiro-Flair aufkommt. Doch viel Geduld muss man nicht aufbringen, bis sich erste Akkorde ins Gemenge einfügen und alsgleich aufhorchen lassen, während die Trillerpfeifen im Äther verschwinden. Mutet das Quasi-Intro noch etwas verstörend an, gehen die sympathischen Briten doch ohne Umwege in die Vollen und bieten mit „Can’t let go“ einen nicht nur zündenden, sondern auch mitreißenden Song-Einstand, der repräsentativer kaum sein könnte: Stilistisch und emotional finden sich hier ganze Kumpelschaften an Einflüssen zusammen, um ein Stelldichein kreativer Mannigfaltigkeit zu feiern. Rhythmisch ist man meist durchaus im Ska und/oder Punk verwurzelt, was nicht nur die Basis sondern auch Dynamik dieses tollen Albums ausmacht. Grazil jedoch verknüpft man eben diesen Antrieb mit tiefgehender Besonnenheit, sodass gar nicht erst der Eindruck von Easy-Listening entsteht. Bestes Beispiel ist hierfür wohl „So long“, dem Stück, das sowohl musikalisch als auch lyrisch wirbelnde Melancholie und schlichte Leidenschaft als schiere Quintessenz inne hat. Ob nun die relative Coolness des Folgestücks „Everybody wants to be my Friend“ oder anschließend das beschwingte und trotzdem vorwurfsvolle „Where are you now?“, SixNationState bieten stete Ausgeglichenheit – und die treibt an. Innerhalb eines jeden Songs, und demzufolge auch innerhalb des Albums. Man schustert meisterhaft aus obig erwähnten Genres, leichtfüßigem Country und weltmusikalischer Vielseitigkeit ein in jedweder Hinsicht vielschichtiges Album zusammen.

Tanzbarkeit tritt choralen Refrains auf die Füße, während diese den Saiten die Show zu stehlen versuchen. Achterbahn ohne Übelkeit. Man trifft sich in aller Eigenständigkeit wieder. Dienlich ist da vor allem Gerrys hingebungsvoller Gesang, welcher vor eigenwilliger Markanz nahezu strotzt. Ob nun gefühlvoll oder gar aggressiv, fährt der werte Herr allerlei Stimmvolumina auf, um die Instrumentierung hinreißend und, zja, sexy abzurunden. Wie aus einem Guss. Die Musik, die Kompositionen selbst sind ein einziges Konglomerat an Stil- und Stimmungshybriden, ohne einer eingängigen Geradlinigkeit abhändig zu werden. Dabei darf hier keineswegs von Progressivität im herkömmlichen Sinne gesprochen werden. Einflussnehmende Genres lassen sich gewiss wahrnehmen, diktieren jedoch nie das kategorische Geschehen. 6NS gelingt es famos, Vielfältigkeit nicht konstruiert klingen zu lassen. Der fantastisch analog anmutende Sound verpackt das Stilgemenge zusätzlich in eine äußerst authentische Hülse und lässt die Songs atmen. Ein guter Whiskey residiert immer in einem guten Fass sozusagen.

Je öfter und bewusster „SixNationState“ gehört wird, desto wahrscheinlicher ist’s, sich den Reizen dieses Gourmetgangs bewusst zu werden, welcher, jeden (dummen) Kitsch vermeidend, schlicht ein Höchtsmaß an Variabilität, Eindringlichkeit und unverkrampfter Hingabe zu bieten hat. Ein ereignisreiches Debüt, das sich selbst Timelessness auf den tanzenden Hintern gebrannt hat. Schön, ruppig, passioniert, einfach toll!

Amesœurs – Ruines Humaines

November 24, 2008

Northern Silence Productions
2006
myspace.com/amesoeurs

Praktikabilität sei hier dahingestellt, oftmals sind die Metal-Archives voll von Unfug. Dem Editor blieb einst offenbar nichts weiter übrig, als Amesœurs dem Post-Punk/Shoegaze zuzuweisen, was in einer BM-Kombi feilich lachhaft aussieht. Sich jetzt über Definitionen auszulassen wäre Blödsinn. Fakt ist jedoch, dass Amesœurs keineswegs mit Indie, Glam oder ähnlichem in Verbindung stehen. Abgesehen nämlich von obligaten Werkzeugen wie Gitarre, Schlagzeug & Bass sowie Gesang, fröhnt man kompositorisch keiner gefälligen Aufmüpfigkeit oder retrovertierter Selbstdarstellerei. Demnach fallen die schlechten Rock- und die noch schlechteren BM-Versuche links und rechts vom Gabentisch. Auf „Ruines Humaines“ prangt dick und fett Neige’s Handschrift. Eben jener Wunderknabe, welcher bereits Mortifera und vor allem Alcest zu höchsten Ehren verhalf.

Wich er mit zuletzt Genannten doch sehr vom ursprünglichen „Le Secret“-Thema ab, scheint er mittels Amesœurs eben diesen einst eingeschlagenen Weg fortführen zu wollen – nur eingängiger. So bieten sich auf dem 3-Tracker die gleichen unverwechselbaren Eigenarten Neigeanischer Zunft an. Ausgewogenheit regiert das Geschehen, wenn wundervollste Melodien auf oftmals beschwingte Rhythmik trifft. Besonders letztere scheint tatsächlich von mehr als nur Black Metal inspiriert worden zu sein. Ich möchte hier gerne einen herben 70’s-Schlag heraushören. Und an dieser Stelle bietet sich ein Brückenschlag zu eigentlicher Rock Musik wirklich an. Abgesehen von manchen Ausbrüchen, exhaliert die Musik wohlweislich einen Charme, den man so nur in BM-fremden Gefilden vorfindet. Die Saitenfraktion geizt da ebenfalls nicht mit Reizen und passt sich der taktgebenden Polygamie an. Jedes Riff ist ein kleiner Neige – jedes Riff besitzt ein Höchstmaß an Wiedererkennungswert. Dabei wird ebenso tieftraurig vorgegangen wie eben bei Alcest. Auf die Spitze getriebene Introvertiertheit sozusagen, dabei allerdings völlig unbefremdlich, vertraut und nahezu trotzig. Denn mit drögem Suicidal Black Metal hat „Ruines Humaines“ kaum etwas gemein. Schwermütig genug, um über ein derartiges Korsett hinauszuwachsen und anspruchsvoll genug, um stilistische Barrieren einzureißen. Obwohl konsequent der Wechsel zwischen Depression, Leichtfüßigkeit und gewisser Selbstsicherheit verfolgt wird, knausert man nicht mit Geschick: Man gießt das eine Moment ohne Umstände ins nächste, sodass eine fabulöse Homogenität entsteht, die ihresgleichen sucht. Da kreuzen sich auch manchmal E- und Akkustikgitarren, rockige Uptempo-Parts kopulieren mit reißerischer Wut oder, wie im letzten Stück „Faiblesse Des Sens“, man agiert beinahe neofolkig: Clean gespielte Gitarren/Bässe, Schlagzeug und Audrey Sylvain spricht bzw. singt dazu. Noch viel natürlicher und echter erscheint’s somit, dass hier Dissonanzen zwischen Gesang und Instrumentierung auftauchen, wobei Melodieführung und Songaufbau höchst fesselnd sein können. Da setzen zwischendrin BM-taugliche Riffs ein, lassen den Song gleichzeitig in höhere Tempi springen, geben Ruhe und rollen den roten Teppich für einen Jahrhundertschrei (!) seitens erwähnter Lady aus. Der hinreißendste Moment dieses Demos, keine Frage.

Die Produktion ist optimal. Hier soll sich nicht lang an Marginalitäten aufgebammelt werden. Amesœurs jedoch zu beschreiben ist kein Leichtes. Mannigfaltig und dennoch eindeutig ist dieses Demo. Nicht nur stilistisch also weit mehr als das, was Black Metal innerhalb seiner selbstverschuldeten Engen heute noch darstellt. Musikalität und Kreativität stehen im Vordergrund. Dementsprechend außergewöhnlich und fantastisch ist „Ruines Humaines“ auch.