No use for humanity – Schmährufe eines Überbelichteten, Teil 2: Der Tod des Wortes

September 5, 2011

Selbstverständlich muss man sich über längst gängige Lächerlichkeiten seitens neofaschistischer Sprachschänder heuer weder übermäßig aufregen noch sonderlich wundern. Während sich jedoch erwähnte Intelligenzflüchtlinge noch in T-Hemden hüllen und Musik von der Lichtscheibe hören, ist eine radikale Sinnentwertung bedeutungsschwangerer Überworte mittlerweile unumkehrbar. Die Rede ist, ganz sprachenübergreifend, von der sich peu à peu vollzogenen Entleerung des Wortsinnes. In den Kontext des Individualismus-Begriffs gerückt, will ich mich folgend vorrangig mit dem Verlust des Zynismus‘ befassen. Der Tod des Zynikers ist also unlängst eingetreten …

Die Überlegung, wo Zynismus anfängt und aufhört, ist weder neu noch sonderlich unmodern. Ich widmete mich diesem Thema ganz direkt erst, nachdem ich von einer mir sehr vertrauten Person bei Wein und Musik und entsprechend losgelöstem Gesprächspotential darauf hingewesen wurde, wie sehr es erwähnte Person erzürnt, dass sich die Jüngsten der Jüngeren selbst als „zynisch“ betrachten. Die zu kritisierende Masse verneint ergo ihre Kenntnis über die eigentliche Bedeutung des Wortes Zynismus an sich, setzt ihn gar mit Ironie und Sarkasmus gleich bzw. verwechselt alle Begriffe ganz schlicht und dumm. Das ist nun ca. 4 Jahre her.
Seitdem hat sich am Fazit dieser Beobachtung nichts geändert, im Gegenteil. Aussagen der Marke „Achtung, ich bin Zyniker, das ist eben einfach so!“ (Rechtschreibung zur Verdeutlichung korrigiert) kann man heuer ebenso häufig lesen, in jeder Weise Selbstbeschreibung und Selbstdarstellung verpflichtet.
Vergleiche können insofern gezogen werden, dass ähnlich inflationär Phrasen wie „ich bin ein wenig verrückt“ oder „Was ich nicht mag: Unehrlichkeit“ (beiderlei ebenfalls mit Profilierungsabsicht) nahezu nahtlos ans vermeintliche Zyniker-Outing angehängt werden.

De facto erwächst Zynismus nicht aus einem selbstangedichteten Humor, einem rhetorischen Talent oder vermeintlicher Eigenweisheit, die 80% der brandaktuellen Präsentanten (12-42) offenbar eimerweise in die Wiege geschüttet bekamen. Zynismus ist viel mehr die Quintessenz aus Verbitterung und Resignation bzw. die sich auf diesen Faktoren fußende prä-weise Verarbeitung negativer Erfahrungen, Lebensabschnitte und Gedanken rund um den (philosophischen) Existenzialismus. Um tatsächlich zynisch zu sein, braucht’s selbstverständlich ein gerüttelt Maß an Intelligenz, keine Frage, aber einzig auf den Geist (bzw. die Geistesfähigkeit) kommt es hierbei nicht an, (empathische) Intelligenz und Weisheit bedingen gar das Erfahren persönlicher Tiefpunkte und -phasen. Verbitterung und Resignation sind schlicht und ergreifend Erfahrungswerte. Da Melancholie und Verzweiflung, die Grenzwerte aller romantisch-negativen (mit Pathos: bittersüßen) Gefühle, allerdings allzu unabhängig von Geist, Wissen und Empathie erfahren werden können, ist eine Differenzierung hier unglaublich schwierig. Allzu wichtig wird dann doch immer und stets die Selbstheit des Einzelnen. „Jeder ist sich selbst der Nächste“ könnte man sagen und eigentlich Jeder hält sich selbst für wichtiger meinen. Das Ego ist, egal wo und auf welche Weise, stets überkonditioniert (bspw. ist die Liebe, welcher Form auch immer, ganz dem Eigennutz verpflichtet). Das kann für Außenstehende unbemerkt bleiben, kann sich aber auch, und das ist der häufigste Fall, in mehr als platter Selbstdarstellerei ausdrücken. Die Folgen sind logisch: Wenn 70% einer hier/jetzt unbestimmten Anzahl Menschen bspw. in ein Internet-Profil schreiben, sie seien Zyniker, ist die individualistische Absicht dahinter zwar erkennbar, aber stante pede revidiert, da es kein individualistischer Aspekt ist, zynisch zu sein, wenn 70% mehr oder weniger Aller (nicht der Fluss) behaupten, zynisch zu sein. Daraufhin werden die Worte zynisch, Zyniker & Zynismus ganz automatisch zur Floskel. Zu einem Identifikator vieler. Zu Worthülsen.

Man kippt sozusagen das Wortfass aus und die Inhaltsbedeutung verteilt sich großflächig über ausgetrockneter Hirnerde, was eine Sinnlosigkeitsüberschwemmung nach sich zieht. Die geistige Dritte Welt.

Ich möchte sagen, dass Zynismus keine Haltung ist. Man kann sich Zynismus nicht er- bzw. begründbar machen wie bspw. eine politische oder religiöse Meinung/Einstellung. Echter, eigener Zynismus, und man rufe sich hier die genannten Erfahrungswerte Verbitterung und Resignation zurück, scheint mir viel mehr ein punktueller Selbstläufer zu sein. Eine Sprache der emotionalen Isolation. Die Prostataentzündung der Seele. Bspw. kann man sehr gut gezielt ironisch und sarkastisch sein (sofern die nötige Schlagfertigkeit vorhanden is‘). Zynismus, auf absolute Emotionalität bzw. der Verkrustung und Verhärtung selbiger aufbauend, stellt sich aber, meiner Erfahrung nach, hauptsächlich in solchen Fällen ein, wenn mitten im Gespräch der Sinn von Dasein, Aktion, Reaktion, usw. marginalisiert thematisiert wird. Vor allem während Auseinandersetzungen sich sehr gut kennender und im Grunde zugeneigter Personen. Ich will nicht behaupten, zynisch zu sein sei automatisch ein Hilferuf, aber der tatsächliche, starre, eben bittersüße Zynismus ist durchaus ein Hinweis auf die psychische Verfassung des in dem Moment zynisch Seienden.
Folglich ist es schlicht grotesk, wenn, und jetzt erlaube ich mir einfach alberne Hetzpolemik, mittelgebildete 16-Jährige oder mit Größenwahn küngelnde Prä-40er von Zynismus schwadronieren, nur weil die sechs Monate alte Beziehung im Arsch und die verdammte Katze verreckt is‘ oder aber der fette Arsch vor lauter WoW-Zocken (Klischee, das sitzt!) 5 Tage kein Sonnenlicht gesehen hat und folgerichtig die eigene Sozialisation dahinsiecht!

Eine Ausnahme mag, um das kurz einzubringen, eventuell die Rolle des Autors sein. Es ist sicherlich kein Quatsch, dass ein guter (?) Autor beobachten können muss, um die gesammelten Erfahrungen mit den eigenen, und daraufhin mit persönlichen Erkenntnissen so zu vermengen, um aus sich überhaupt einen guten Autoren machen zu können. Als Beispiel könnte man hier Thomas Bernhard anführen, welcher stets semi-nihilistisch (glaube ich) und destruktiv, oder auch zynisch und beinahe erheiternd gelesen werden kann. Zynismus als Werkzeug der Kunst ist also weitestgehend ungefährdet, da der Autor in erster Linie immer objektiv ist/schreibt.

Es stellt sich also mal wieder die Frage nach dem Ursprung – dem „Hä?“

Und mir fällt gerade auf, dass ich eben diese Frage obig eigentlich bereits beantwortet habe: Der Teufel steckt im System. Genau genommen im medialen System. Die Austauschbarkeit von Personen, insbesondere zur Muße-Epoche des Internets, macht einen horrenden Mangel an tatsächlichen Persönlichkeiten deutlich. (Ob erwähnte Austauschbarkeit schon immer da gewesen ist (sehr wahrscheinlich) und/oder das Internet nur eine sozio-demografische Lupe ist, die diesen Zustand erst direkt deutlich macht (noch wahrscheinlicher), steht auf einem anderen Blag oder Blott.) Der Krieg um das Anrecht auf Individualität ist in vollem Gange. Denn darin begründet sich das Aus- und Erschöpfen jedweder sinnstiftender Ressourcen. Der Zynismus, also ein Begriff, der bspw. einer (je nach Geisteshaltung) anzustrebenen Altersweisheit näher steht als vergleichsweise die koitale Ausbeute eines ganzen Lebens, wird zum Sündenbock einer postspätromantischen Fehlentwicklung der Gesellschaft, ihres Wertesystems und ihrer Zöglinge.

Skandal! Pseudo-individualistischer Mob schlägt alten Zynismus tot! Vernunft hofft auf Hilfe aus der Bevölkerung.

Man kann derartige Entwicklungen mehrfach beobachten. Eben vor allem beim Ausleuchten solcher Schlagwörter wie Individualismus oder Liebe. Man spricht nicht umsonst von einem „inflationären Gebrauch“ dieser oder jener Phrase, dieses oder jenes Wortes. Die Quantifizierung bzw. Verwirtschaftlichung von Sinn und Bedeutung, also von philosophischen Inhalten, tötet ergo den Menschen als individuelles Subjekt. Fällt man diesem Konstrukt anheim, ist man fast noch sinnfremder als eingangs erwähnte Hitleranten. Das System meint radikale Gleichschaltung.

A.E. 05.09.2011

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