No use for humanity – Schmährufe eines Überbelichteten, Teil 1: Das Sklavenego

Juli 26, 2010

Über viele Jahre hinweg und in allzu häufigen Situationen war ich erduldend, hoffte auf eine speziellere Ausformung meines medialen wie künstlerischen/kunstinteressierten Charakters. Aber ab heute weht ein anderer Wind!

Es geht zwar lediglich um Musik und Film, aber doch sind mir diese beiden Ausdrucksformen als Konsument derart wichtig, dass ich es für nötig halte, meine Empörung über aktuelle Zustände zum Ausdruck zu bringen.

Wie eingangs erwähnt, hielt ich’s lange Jahre für die höflichste und gleichwohl konstruktivere Herangehensweise an Gespräche über Ton und Bild, dem häufig nicht gerade kleinen Schwall an Empfehlungen geduldig gegenüber zu sitzen. Nach beinahe einer Dekade des Sammelns von Empfehlungen und selbstverständlich auch der Anhäufung eigener Versuche, Experimente, Umorientierungen, Stippvisiten usw. bezüglich allerlei mannigfaltiger Bild- und vor allem Tonkunst, erlaube ich mir, zu behaupten, einen durchaus prächtigen Erfahrungsschatz zusammengetragen zu haben. Und spätestens bei dieser Erkenntnis wurde ich stutzig: Weshalb werden mir immer noch Vorschläge unterbreitet, ich solle mir doch dieses anhören oder jenes ansehen? Prinzipiell bin ich für jede Anregung offen, definitiv. Ich betrachte folgend beschriebenes Dilemma mittlerweile allerdings als zweierlei Dreistigkeit: Zuvorderst scheint es rein gar nichts zu bringen, sich im Dialog (wenn denn tatsächlich notwendig) selbst einzugrenzen, um erhofftermaßen irgendwelchen Schrottempfehlungen sogleich den Wind aus den Segeln zu nehmen. Sprich: Eine Aussage wie „Ich bevorzuge lieber Independent-Filme und beachte das große Hollywood-Gepansche nur marginal und bestenfalls zum Ausnüchtern“ oder „Ich habe damals zu viel Melo Death Metal und MetalCore gehört, sodass mir diese Musik heuer als überholt, ausgelutscht, langweilig und folgerichtig nicht interessant erscheint“ stößt keineswegs auf Verständnis und Einsicht, nein. Die mir gegenüber sitzende überweise Film- und Musikkoryphäe überliest mit aller rotzfrechen Galanz meinen durchaus diplomatischen Hinweis und empfiehlt auf Teufel komm raus einfach weiter – und zwar den lahmarschigsten Blödsinn, den man sich anschauen bzw. -hören kann. Es ist, als würde ich auf den Markt gehen und Onkel Rudi drückt mir statt einem Wirsing 2kg Bananen in die Hand. Nicht unentgeltlich versteht sich.

Gewiss habe ich sehr viel Verständnis für oftmals unterforderte Egos im Zeitalter wirtschaftlicher Unsicherheit und gesellschaftlicher Verkalkung fußend auf einem kapitalfaschistischen Ignoranzprogramm. Und selbstredend habe ich keineswegs vor, zu pauschalisieren. Aber genau dort steckt der Hase im Pudel: Anhand des Umgangs eines Menschen mit Medien und der daraus resultierenden Fähigkeit einigermaßen ausgeglichener Konversation, kann man als wohl zumeist zurückhaltender Beobachter die Qualität eines Menschen bestimmen. Dass vor allem der Musikgeschmack in erstaunlich vielen Fällen auf Aspekte wie Intelligenz, Toleranz und geistige Reife hindeutet, ist ein offenes Geheimnis. Worum es mir hier im Besonderen geht, ist die Überheblichkeit, die das enorme Gros an leidenschaftlichen Musikhörern und Cineasten ausmacht.

Freilich kommt derartige Kritik niemals ohne eine Beleuchtung des Selbstwertgefühls des Kritisierenden aus. Und ja, ich finde es durchaus ärgerlich, dass bei aller Offenheit für Tipps und Ratschläge meine eigene Kompetenz nicht ansatzweise herausgefordert wird. Ausnahmen bestätigen hier zwar ebenso die Regel, aber ich beziehe mich auch auf die grobe Masse, nicht auf Einzelfälle. Als interessierter Mensch mit dem Willen zum freien aber ausgeglichenen Dialog möchte ich doch ganz automatisch sowohl nehmen als auch geben, oder nicht? Sicherlich, es gibt Situationen wie „Ich weiß nicht, was ich anschauen oder hören soll, hast du nicht etwas Interessantes für mich, das ich noch nicht kenne?“ Derlei Momente bestehen hauptsächlich zwischen sich gegenseitig ergänzenden Individuen, wofür allerdings eine Art Freundschaft bzw. Respekt auf nicht oberflächlicher Ebene Voraussetzung sein muss. Die Selbstverständlichkeit mit welcher dieser Respekt seitens des Mobs vorausgesetzt wird, erschüttert mich jedoch zunehmend. Ein Mittzwanziger mit dem musikalischen Horizont eines sechzehnjährigen Schulmädchens propagiert Bands und Titel mittels nahezu universeller Heiligkeitsbekundungen? Spätestens dann setzt selbst meine Vernunft für einen kurzen Moment aus und meine Iris mimt eine Hakenkreuzschablone: Falsch und scheiße! – Dabei hängt eine ungemein entspanntere bzw. entspannendere Kommentierung lediglich von einer entradikalisierten Hervorhebung beworbenen Stückes/Films ab. Man könnte zum Beispiel statt „Das Beste auf der Welt“ ganz gediegen „Das Beste, was ich je gehört habe“ sagen. Wie schwierig ist das? Zumal man damit ganz grazil genau diesen Leuten nicht in die Eier tritt, die das zigfache an musikalischer und/oder cineastischer Kompetenz vorzuweisen im Stande sind. Aber offenbar muss es genau andersherum sein: Die banalsten Leute kehren mit Goldbesen, während sich echte Kenner, Open-Minder und Gourmets bedeckt halten, respektvoll sind und vielleicht genau deshalb sich, so erbärmlich ihre Interessengebiete zuweilen geraten sein mögen, eine gewisse Anmut bewahren können.

Natürlich könnte man sagen, dass eine Reaktion auf obige Fürchterlichkeiten mit „Ich stehe über den Dingen“ vermutlich die smarteste wäre. Aber ich glaube das nicht, ehrlich gesagt. In Zeiten absoluter Medialisierung, in denen sich die hinterletzten Kindsköpfe problemlos über Hotz und Plotz informieren können (quasi Filme sehen und Musik hören), dem jedoch ohne den Ansatz von Tiefgang begegnen, sich dann aber doch mit einem vermeintlich unbeschränkten Horizont zu schmücken gedenken, ist es doppelt notwendig, dass es elitäre Instanzen gibt, die komplett unlimitiert ein Gegengewicht zu all den Pseudo-Künstlern, Möchtegern-Individuen und Mainstream-Huren bilden. Fragt sich dann nur, wer dafür in Frage käme. Ich sicherlich nicht, da ich zumindest erkannt habe, dass Weisheit lediglich das ist, was man anstreben sollte und hoffentlich erreicht hat, wenn man auf dem Sterbebette liegend über genau diese Weisheit nachdenkt.

Woher, frage ich, woher wird sich mit ungeheuerlicher Selbstverständlichkeit das Recht genommen, seinen eigenen Geschmack derart zu glorifizieren? Ein Geschmack, welcher unter den meisten Anspruchsvollen wohl gar keiner ist. Zumal’s tatsächlich nur eine rhetorische Herausforderung darstellt, sich seinem vermeintlichen Niveau entsprechend angemessen zu artikulieren. Ich bin eigentlich überfragt.

Es gibt häufig kaum etwas Schöneres, als sich über seine Vorlieben auszutauschen. Vor allem, wenn beteiligte Persönlichkeiten ausreichend offen an eventuelle Obskuritäten herangehen können. Weshalb dann muss das eigene Fass derart bodenlos sein? Wieso und warum neigt man zur Selbstübersteigerung mittels Musik und Film? – Gewiss gibt es Schreihälse, die meine Einschätzung der Problematik als dramatisiert auslegen, ja. Allerdings nur desalb, da ihnen gar nicht bewusst ist, mit welchem Narzissmus dem wahrhaftig universellen Komplex Kunst begegnet wird. Vor allem in dem Alter! 80% der zu kritisierenden Menschen haben kaum die Volljährigkeit erreicht und möchten trotzdem gerne ihren allzu individualisierten Fundus an noch einzigartigeren Vorlieben unterm Kopfhörer, auf Konzerten, im Kinosaal oder auf/unter/hinter der heimischen Couch breittreten. Ich frage: Was ist so kompliziert an ein wenig Geduld? Etwas Contenance? Sich selbst eingestehen, dass man jung ist und interessiert an dem sein, was da kommen möge. Sicherlich eine äußerst allgemeine Aufforderung, aber trifft sie sehr wohl auch auf das Kennenlernen und Erforschen von Medien zu. Subkulturen sind nichts wert, weil kommerzialisiert, also ist es auch völlig unerheblich, sich auf die paar Bands, die man ach so anbetet (und in 10 Jahren vermutlich belächelt), ca. stündlich die Wurst zu pellen respektive das Brötchen zu schmieren.

Es ist ein unsinniger und allzu kitschiger, doppelmoralischer Ansatz, zu behaupten, jeder Mensch sei etwas Besonderes. – Herausragend, tatsächlich individuell zu sein, ist eine Herausforderung! Und ob man Selbige meistern kann, ist eine Frage des Alters, der Jahre die und wie man sie verlebt, wovon man sich inspirieren lässt und wie leidenschaftlich man sich dem Leben entgegenstellt. Selbstüberschätzung zeugt lediglich von nichts weiter als nervtötender Naseweisheit. Und da insbesondere Musik und Film (Literatur selbstverständlich auch – sogar mehr noch – dem widme ich mich aber ggf. an anderer Stelle) formen, inspirieren und nicht zuletzt unterhalten sollen, ist es nahezu lächerlich, sich, seine Vorlieben und den eigenen Erfahrungsschatz als unfehlbar bzw. ultimativ zu denken. Wie so oft: Der Weg ist das eigentliche Ziel … Er selbst weiß das, ich hab ihn gefragt.

A.E. 26.07.2010

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