Amesœurs – Ruines Humaines

November 24, 2008

Northern Silence Productions
2006
myspace.com/amesoeurs

Praktikabilität sei hier dahingestellt, oftmals sind die Metal-Archives voll von Unfug. Dem Editor blieb einst offenbar nichts weiter übrig, als Amesœurs dem Post-Punk/Shoegaze zuzuweisen, was in einer BM-Kombi feilich lachhaft aussieht. Sich jetzt über Definitionen auszulassen wäre Blödsinn. Fakt ist jedoch, dass Amesœurs keineswegs mit Indie, Glam oder ähnlichem in Verbindung stehen. Abgesehen nämlich von obligaten Werkzeugen wie Gitarre, Schlagzeug & Bass sowie Gesang, fröhnt man kompositorisch keiner gefälligen Aufmüpfigkeit oder retrovertierter Selbstdarstellerei. Demnach fallen die schlechten Rock- und die noch schlechteren BM-Versuche links und rechts vom Gabentisch. Auf „Ruines Humaines“ prangt dick und fett Neige’s Handschrift. Eben jener Wunderknabe, welcher bereits Mortifera und vor allem Alcest zu höchsten Ehren verhalf.

Wich er mit zuletzt Genannten doch sehr vom ursprünglichen „Le Secret“-Thema ab, scheint er mittels Amesœurs eben diesen einst eingeschlagenen Weg fortführen zu wollen – nur eingängiger. So bieten sich auf dem 3-Tracker die gleichen unverwechselbaren Eigenarten Neigeanischer Zunft an. Ausgewogenheit regiert das Geschehen, wenn wundervollste Melodien auf oftmals beschwingte Rhythmik trifft. Besonders letztere scheint tatsächlich von mehr als nur Black Metal inspiriert worden zu sein. Ich möchte hier gerne einen herben 70’s-Schlag heraushören. Und an dieser Stelle bietet sich ein Brückenschlag zu eigentlicher Rock Musik wirklich an. Abgesehen von manchen Ausbrüchen, exhaliert die Musik wohlweislich einen Charme, den man so nur in BM-fremden Gefilden vorfindet. Die Saitenfraktion geizt da ebenfalls nicht mit Reizen und passt sich der taktgebenden Polygamie an. Jedes Riff ist ein kleiner Neige – jedes Riff besitzt ein Höchstmaß an Wiedererkennungswert. Dabei wird ebenso tieftraurig vorgegangen wie eben bei Alcest. Auf die Spitze getriebene Introvertiertheit sozusagen, dabei allerdings völlig unbefremdlich, vertraut und nahezu trotzig. Denn mit drögem Suicidal Black Metal hat „Ruines Humaines“ kaum etwas gemein. Schwermütig genug, um über ein derartiges Korsett hinauszuwachsen und anspruchsvoll genug, um stilistische Barrieren einzureißen. Obwohl konsequent der Wechsel zwischen Depression, Leichtfüßigkeit und gewisser Selbstsicherheit verfolgt wird, knausert man nicht mit Geschick: Man gießt das eine Moment ohne Umstände ins nächste, sodass eine fabulöse Homogenität entsteht, die ihresgleichen sucht. Da kreuzen sich auch manchmal E- und Akkustikgitarren, rockige Uptempo-Parts kopulieren mit reißerischer Wut oder, wie im letzten Stück „Faiblesse Des Sens“, man agiert beinahe neofolkig: Clean gespielte Gitarren/Bässe, Schlagzeug und Audrey Sylvain spricht bzw. singt dazu. Noch viel natürlicher und echter erscheint’s somit, dass hier Dissonanzen zwischen Gesang und Instrumentierung auftauchen, wobei Melodieführung und Songaufbau höchst fesselnd sein können. Da setzen zwischendrin BM-taugliche Riffs ein, lassen den Song gleichzeitig in höhere Tempi springen, geben Ruhe und rollen den roten Teppich für einen Jahrhundertschrei (!) seitens erwähnter Lady aus. Der hinreißendste Moment dieses Demos, keine Frage.

Die Produktion ist optimal. Hier soll sich nicht lang an Marginalitäten aufgebammelt werden. Amesœurs jedoch zu beschreiben ist kein Leichtes. Mannigfaltig und dennoch eindeutig ist dieses Demo. Nicht nur stilistisch also weit mehr als das, was Black Metal innerhalb seiner selbstverschuldeten Engen heute noch darstellt. Musikalität und Kreativität stehen im Vordergrund. Dementsprechend außergewöhnlich und fantastisch ist „Ruines Humaines“ auch.

Dema/Demu

November 24, 2008

Wie Ziegelsteine fallen Frösche in den Himmel
Der wird dann lallen
Und Gott peitscht lustvoll seinen Schimmel
Dienstherrn und Vasallen

Rotz tropft aufs gebeugte Haupt
Mit dem der Tropf ins Herzlein schaut
Den Sinn ergeiert sich die Zeit
Welche leidend Flüche schreit

Gurrt der Geist in höchster Not
Suhlt sich Vernunft im tiefsten Kot.

A.E. 16.11.2008